Und erlöse uns von der Ökonomie ...

By Tomas Sedlacek, published in Philosophie Magazin in 19-10-2012

Gott spielt in der Ökonomie eine zentrale Rolle, stellt der Ökonom und Philosoph Tomas Sedlazek fest. Unser Wirtschaftssystem wird von religiösen Glaubensannahmen beherrscht. Plädoyer für die Abkehr von dem großen Götzen unserer Zeit.

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Ökonomie und Religion sind so eng miteinander verwoben, dass sie bei näherer Betrachtung gar identisch erscheinen. Fangen wir bei der Sprache an, die beide Bereiche eint: Wie C. S. Lewis einst festhielt, besteht die Schlüsselbotschaft der christlichen Religion in der Vergebung und Erlösung. Das klingt religiös, in Wahrheit aber handelt es sich um ökonomische Begriffe. Säumige Schuldner mussten sich einst unter das Sklaven-Joch begeben und konnten diesem Zustand nur wieder entfliehen, wenn sich ein so genannter Erlöser (engl. redeemer) für sie fand, der sie freikaufte. Genau dieser Prozess bestimmt heute auch die Berichterstattung der Wirtschaftsteile: Regierungen erlösen und retten Banken von ihrer Schuld, Nationen mit ausreichend Kredit (das Lateinische credere bedeutet glauben, vertrauen) erlösen schwächere Länder, indem sie deren Schulden auf sich nehmen. Besonders interessant im Zusammenhang ist, dass die Begriffe für „Schulden“ und „Sünde“ im Neuen Testament die gleichen sind und zwar sowohl im Griechischen, Lateinischen und Aramäischen – auch das Deutsch der Luther-Bibel bewahrt im Begriff der Schuld diesen Doppelsinn. Die heilige Schrift und der Finanzmarkt sprechen dieselbe Sprache. Derzeit hoffen vor allem die Griechen auf „Vergebung ihrer Schuld(en)“, hoffen inständig, ein Und erlöse uns von der Ökonomie ... großer Anderer möge sie aus dem Zustand lebenslanger Schulden-Sklavenschaft erlösen. Und wo wir einmal bei den Griechen und dem Thema Vergebung sind: Ist es nicht offensichtlich, dass die Frage ihrer Entschuldung eine Wiederauflage der alten christlichen Streitfrage von „Gesetz oder Gnade?“ darstellt. Sollten wir die Sünder nach dem Gesetz richten oder Gnade walten lassen. Und wenn wir ihnen vergeben, wie oft und in welchem Ausmaß sollten wir das tun? Sieben Mal, oder doch eher siebenundsiebzig Mal (Matthäus, 18:21-22)? Was in Wahrheit wie eine „harte“ ökonomische Debatte wirkt, ist in Wahrheit eine „weiche“ religiöse Frage, die keine klaren Grenzen und Kriterien kennt. **Unsichtbare Hände?** Ist es, von Religion auf die Wirtschaft geblickt, etwa ein reiner Zufall, dass zwei Drittel der Parabeln, die Jesus Christus erzählt, von ökonomischen Problemen handeln? Gewiss nicht, denn auch in der Ökonomie führen am Ende alle Wege auf den Glauben zurück. Erst kürzlich fragte mich ein Journalist aus Österreich „wem oder was sollen wir denn jetzt noch glauben? Alle unsere ökonomischen Gewissheiten sind erschüttert, es gibt nichts – oder nur noch sehr wenig – woran man sich noch halten kann.“ Die Enttäuschung leuchtet mir ein, aber ich würde das Dilemma genau umgekehrt formulieren: Besteht das Problem derzeit nicht viel eher darin, dass wir den Ökonomen alles glauben müssen? Und das in einer Zeit, da alle wissenschaftlichen Gewissheiten ihres wahres Wesen offenbart haben, dass darin liegt, geglaubte Gewissheiten zu sein? Annahmen, Dogmen, Lehrsätze, die so fest und unantastbar schienen, dass sie unbezweifelbar, absolut gewiss erschienen. Mit anderen Worten also Gewissheiten, wie sie sonst nur in der Religion bekannt waren. Eine Art die derzeitige Krise zu erklären besteht in der Einsicht, dass wir zu tief und zu fest an unsere Modelle geglaubt haben. Man denke nur an das Beispiel der so genannten „unsichtbaren Hand“ (engl. invisible hand) – ein angenommenes Marktprinzip, das nach Adam Smith und auch Bernard Mandelville dafür sorgen soll, dass sich eigennütziges Gewinnstreben in einer Gesellschaft sogar gegen den eigenen Willen zum besten Wohle aller und gerade der Schwächsten auswirkt. Ohne diese– insbesondere in der anglo-amerikanischen Welt prägenden – Annahme der „unsichtbaren Hand“ ist der Weltbild des ökonomischen Liberalismus die moralische Grundlage weitgehend entzogen. Manche Ökonomen glauben an das Wirken der „unsichtbaren Hand“, andere nicht. Aber das ist die einzig richtige Form, die Frage zu stellen: Glaubst du daran oder nicht? Es ist keine empirisch basierte Entscheidung. Was könnte, denkt man einmal darüber nach, auch geheimnisvoller und rätselhafter sein als die Wortverbindung von „unsichtbar“, „Hand“ und „Marktgeschehen“? Ganz allgemein hat das Glaubensdreieck, in dem sich die zeitgenössische Ökonomie bewegt, eine trinitarische Struktur, die aus „unsichtbarer Hand“ (Gott), „homo oeconomicus“ (Mensch) und den so genantennn „Lebensgeistern“ (animal spirits) des Ökonomen John Maynard Keynes besteht. Allesamt mystische, theologische Begriffe, die sich den Anschein harter Wissenschaft geben und unter deren Einsatz schlichtweg alles, was vernünftige Menschen tun, zu erklären vorgibt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. **Kollaps des Glaubens** Einerseits wird also zu viel geglaubt, anderseits ist es unbestreitbar so, dass sich unser gesamtes Wirtschaftssystem in einer tiefen Glaubenskrise befindet. Keine Rating-Agentur, keine Investment Bank, keine Zentralbank, kein Internationaler Währungsfonds vermag es heute noch, den für das Funktionieren des Systems absolut notwendigen Glauben in die Funktionsfähigkeit des System zu erzeugen. Um es mit dem französischen Philosophen und Psychoanalytiker Jacques Lacan zu sagen, erleben wir den Kollaps des „Subjekts, das es wissen sollte“. Die Hohepriester unseres Zeitalters haben ausgedient. Mittlerweile ist es unter diesen Akteuren oder Institutionen sogar zum Trendsport geworden, öffentlich zu erklären, dass auch sie keine Ahnung oder Lösung haben, kein Patentrezept; dass auch sie – mit all ihren Modellen und Daten – vollkommen im Dunkeln tappen. Nur noch der reine Glauben kann da helfen. Oder beten. **Das Schweigen der Pharisäer** Jedes Zeitalter hat seinen Fetisch. Vor einigen Jahrhunderten war es „die Nation“. Sie war auf dem Höhepunkt ihrer Macht nicht etwa für ihre Bewohner, nein, die Bewohner waren für die Nation da. Das führte zu blutigen Kriegen und letztlich zum Kollaps des eines traditionellen Nationalbewusstseins. Zu Zeiten, da Jesus lebte, bestand der Fetisch in ethischen (meist religiös fundierten) Handlungsregeln. Man kann Jesus´ Rede gegen die Pharisäer als eine Kritik an der pharisäischen Fetischisierung der Ethik lesen (die Regeln sind nicht für euch da, sondern ihr für die Regeln). In unserer Zeit ist in genau diesem Sinne die Wirtschaft der große Fetisch – denn sie soll in der Sprache der Ökonomen nicht für uns da sein, sondern wir für sie. Anstatt Quelle der Freude und des Ansporns zu selbstständigem Handeln zu sein, ist das ökonomische System zu einer Maschine toter Regeln und Regularien geworden, ein Körper ohne Seele, bedeutungslos, oft sogar zynisch, unsensibel und emotionsfrei. Liegt darin auch der Grund dafür, dass Jesus in seinen Reden Liebe und Vergebung so stark in den Vordergrund rückt - seelische Werte ganz allgemein und damit Werte, die niemals überzeugend mathematisiert oder strukturell erschlossen werden können? Das einende Kennzeichen all dieser Fetische besteht darin, sie für allen erdenklichen Unbill verantwortlich zu erklären, im gleichen Atemzug aber vollständige Erlösung von ihnen zu erhoffen. Und zwar Erlösung von genau jenen Übeln, in die sie selbst uns gebracht haben. In der Sprache der modernen Psychologie würde man von einer Art (kollektivem) Stockholm-Syndrom sprechen. **An der Wegscheide** Was folgt aus all dem? Zwei Wege können eingeschlagen werden: Halten wir an dem Glauben in die Ökonomie in ihrer gegenwärtigen Form fest, führt dies zur Frage: Wie kann die Wirtschaft auf abesehbare Zukunft weiter wachsen? Nur, indem sie ihrer Herrschaft auf einen immer größeren Teil unserer Existenz ausbreitet. In die Sphäre der Kommunikation beispielsweise, die immer stärker ökonomisiert wird und das Wirtschaftswachstum gerade in jüngerer Zeit beflügelt hat. Selbst unsere privatesten Konversationen dienen mittlerweile dem ökonomischen Gott, der es darauf abgesehen hat, immer mehr von allem zu wollen. Der andere, meiner Überzeugung nach der sinnvollere Pfad besteht darin, die ökonomische Idee in ihre Grenzen zu weisen, sie als Glauben bloßzustellen, diesen Gott zu schrumpfen und seinem unstillbaren Hunger nicht nachzugeben. Je mehr wir unser Leben von der ökonomischen Logik beherrschen lassen, desto mehr Teile der Gesellschaft wird von ihr bestimmt werden. Warnte uns nicht bereits John Maynard Keynes vor der Götzenverehrung des Marktes: „Der Wurm, der sich das Innere der modernen Gesellschaften ausgehöhlt hat... ist die Überbewertung ökonomischer Kriterien.“ **Die persönliche Alternative** Ist die Bindung an den Fetisch zu stark geworden, kommt es zu einer Umkehrung der Objekt- Subjekt-Beziehung: der Puppenspieler wird zur Puppe, der Nutzer eines Mediums wird zum Benutzten des Mediums, ein Mensch, dem seine Verschuldung ursprünglich einen ökonomischen Freiheitszuwachs, wird zum Sklaven seiner Schulden. Wir sollten uns eingestehen, dass wir an die Ökonomie in einem theologischen Sinne glauben – dass wir sie fetischisieren und alternativlos idealisieren. Das wäre ein erster Schritt. Unser wahrer Gott aber sollte ein anderer sein, andere Ziele verfolgen, wie wir es in Wahrheit ja auch erhoffen. Es wäre ein persönlicherer Gott, freundlicher, liebevoller, vergebungswilliger – weniger berechnend. Kein Ökonom.